Die Kunst der Liebe. Meisterwerke aus 2000 Jahren von Sabine Poeschel

Die Kunst der Liebe. Meisterwerke aus 2000 Jahren von Sabine Poeschel

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Das Buch hat eine unglaubliche Wucht. Frau Poeschel zeigt mit vielen abfotografierten Malereien und Plastiken, die oft den kulturellen Alltag zeigen und dennoch Kunstwerke sind, wie das Thema Liebe dargestellt wurde im europäischen Kulturkreis und darüber hinaus.

„Die Idee, ein Essay über die Liebe in der Kunst zu schreiben, grenzt an Hochstapelei, zu uferlos erscheint das Thema zwischen Eros und Anteros, Liebe und Gegenliebe, Sinnlichkeit und tiefster Enttäuschung. Dennoch soll dieses Buch einen „Bilder-Bogen“ spannen, angefangen bei den berühmten Paaren des Abendlandes wie Amor und Psyche oder Samson und Delilah, über die positive Heilkraft der Liebe und ihre vernichtenden Auswirkungen bis hin zu bekennenden Äußerungen der Künstler zur eigenen Sexualität.“

Der Bilderbogen gelingt und der Verlag kann mit der Autorin ein Buch produzieren, das immer wieder zum Aufschlagen, Betrachten und Lesen einlädt.

Große und gute Fotos zeigen viele Bilder und Mosaike und die klugen Textpassagen machen aus der Betrachtung eine informative Reise.

Zugleich ist es dadurch eine Kulturgeschichte und öffnet dem Laien in unverhoffter Weise auch den Blick auf Kunstwerke. Gerade die Einbettung der Bilder und Malereien und ihre erklärenden Texte machen aus diesem Buch eine Reise in die Welt, die Philosophie, die Geschichte und die Gegenwart.

Schon auf den ersten Seiten bleibt man viele Minuten an dem Bild „Die launische Braut“ von Pawel Andrejewitsch Fedotov hängen und saugt die Geschichten dazu förmlich auf, die zumindest mir das Bild schrittweise erschließen.

Wenn Frau Poeschel kurz darauf eine Malerei von Pierre-Auguste Renoir zeigt und erläutert indem sie schreibt Renoir „war der Meinung, es gebe genug Schlechtes auf der Welt, da wolle er mit seiner Malerei wenigstens eine heitere Stimmung im Betrachter hervorrufen …“ dann verändert sich der eigene Blick und der Horizont erweitert sich.

Und nicht viel später sehen wir „Der kleine Fisch“ von Max Beckmann und dann folgen Worte, die wirken: „Beckmann verstand die Beziehung von Mann und Frau als unüberbrückbare Trennung bei gleichzeitiger unausweichlicher Verkettung der Geschlechter, die er in solchen Motiven von Liebe und Erotik ausdrückte.“

Und hier sind wir erst auf Seite 22 und haben noch 130 Seiten mit guten Bildern und Texten vor uns bevor das Literaturverzeichnis beginnt. Es ist enorm, wie es Frau Poeschel gelingt, klug, kompetent und mit Herz dies alles in dieses Buch zu packen. Das darf man dann auch schon mal loben, wenn es stimmt so wie hier.

Man könnte das Buch auch nur durchblättern so wie man durch eine Ausstellung geht. Weil es eine angemessene Größe hat, ist es auch dazu geeignet. Aber es bietet eben unglaublich viel mehr.

Ich bin bekennender Kunstamateur und schreibe gerne über gute Bücher die ohne Vorwissen anregend und kompetent durch ein Thema führen. Dies hier ist genau so ein Fall. Hier werden keine Wörter genutzt, um Seiten zu füllen, sondern hier hat jedes Wort einen für das Verständnis des Ganzen notwendigen Platz und Frau Poeschel bedient sich einer Sprache, die angemessen und dennoch verständlich ist.

Bemerkenswerterweise kommen auch Fotografien darin vor. Dabei ist das Kunstverständnis hier so, daß Realitäten gezeigt werden. Das Foto von Brassai in der Bar de la Montagne ist, wenn es nicht gestellt ist, ein großartiges fotografisches Werk unanbhängig von der Bewertung der Homosexualität. Und die Malereien, die Sehnsucht, Eifersucht, sexuelle Gier, rohe Lust und vieles mehr zeigen, schulen den Blick. Andy Warhol zeigt den Übergang zur sexuellen Gier und dann kommt fast schon die Gegenwart, die sich gerade dadurch erschließt, daß sie nicht mehr im Buch zu finden ist.

Ich muß feststellen, daß dieses Buch auch aus fotografischer Sicht viel zu bieten hat, wenn man davon ausgeht, daß der Mensch seine Gefühle noch zum Ausdruck bringt und man dies festhalten will. Hier kann man den eigenen Blick schulen für Szenen aus dem Leben zwischen Menschen und große Gefühle. Das muß man heute digital erst mal fotografisch schaffen, was die Malerei hier vorlegt oder was fotografisch Brassai festgehalten hat.

Entscheidende Momente so zu knipsen ist sehr selten, wenn es nicht gestellt ist. Da hat der Maler mehr Zeit, um realtypische Situationen darzustellen. Insofern zeigen andere konstruierte Fotos im Buch wie Malerei durch Fotografie als fotografische Bildwerke heute ergänzt oder ersetzt werden können.

Frau Poeschel bietet in diesem Buch eine gelungene Sicht, die aus dem Buch einen Weg zu einem tiefen Verständnis von Malerei und dem Thema Liebe macht. Sie läßt auch Themen nicht aus wie die Liebe zwischen alt und jung bis zur fast zahnlosen Alten (nicht dem zahnlosen Alten).

So ist dieses Buch so voll mit Wissen und Anregungen für das eigene Denken und den eigenen Horizont, daß es wohl dauerhaft im Buchregal stehen wird um immer wieder gelesen und angeschaut zu werden.

Das Buch endet in den neuen Medien, also Fotografie und Video. Sie müssen dokumentarisch das leisten, was vor ihnen Malereien taten und sie müssen noch mehr, weil sie nicht nur dokumentieren sondern zugleich auch Mittel und Methode sind, um sich die neue digitale Welt und Wirklichkeit zu erschließen.

Natürlich kann Frau Poeschel nur zeigen, was es gibt. Da früher die kleinen Leute keine Malereien bezahlen konnten, ist das Gesehene vielfach eine Darstellung der herrschenden Kasten. Ihr Hinweis auf Goya an gegebener Stelle ist da umso wichtiger.

Und damit darf ich meine Rezension über dieses großartig und kompetent gemachte Buch beenden und es wärmstens empfehlen.

Es ist im Theiss-Verlag erschienen.

Poeschel, Sabine
Die Kunst der Liebe
Meisterwerke aus 2000 Jahren

isbn 978-3-8062-3676-7

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