Street.Life.Photography

Street.Life.Photography

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„Einen Henri Cartier-Bresson sucht man bei „Street.Life. Photography“ vergebens. Der sei „durchdekliniert“, so das knappe Urteil von Sabine Schnakenberg, die die Ausstellung kuratiert hat.“

Das schreibt  Vera Fengler über den Triennale-Beitrag der Deichtorhallen zum Überthema „Searching for Change“  welches der künstlerische Leiter Krzyzstof Candrowicz sich ­erdacht hat für die Phototriennnale 2018 in Hamburg.

Der starke Katalog zur Ausstellung Street.Life.Photography – Street Photography aus sieben Jahrzehnten ist dann auch das Ergebnis dieser Art der Auswahl.

„Klassiker“ hier sind Diane Arbus, Robert Frank, Lee Friedlander, William Klein und Martin Parr.

„Neu“ sind hier Ahn Jun, Merry Alpern, Diane Arbus, Jerry Berndt, Roman Bezjak, Peter Bialobrzeski, Mohamed Bourouissa, Andrew Buurman, Harry Callahan, Yasmine Chatila, Mario Cuic, Maciej Dakowicz, Philip-Lorca diCorcia, Natan Dvir, Melanie Einzig, Robert Frank, Lee Friedlander, Peter Funch, Bruce Gilden, Hein Gorny, Siegfried Hansen, Andreas Herzau, Candida Höfer, Michael Järnecke, William Klein, Wolfgang Krolow, Leon Levinstein, Melanie Manchot, Jesse Marlow, Mirko Martin, Rudi Meisel, Joel Meyerowitz, Lisette Model, Loredana Nemes, Arnold Odermatt, Harri Pälviranta, Martin Parr, Doug Rickard, Martin Roemers, Thomas Ruff, Andrew Savulich, Axel Schön, Stephen Shore, Slinkachu, Thomas Struth, Wolfgang Tillmans, Andreas Trogisch, Nick Turpin, Dougie Wallace, Michael Wolf, Tom Wood, Wolfgang Zurborn.

Leitfragen dabei sind: „Wie beobachten Fotografinnen und Fotografen heute wie damals die Stadt mit ihren Räumen, die sie dem Menschen bieten? Welche Momente filtern sie aus dem Strom von Alltagsaugenblicken heraus? Wie wird das urbane Geschehen in den Fotografien lebendig? Wie hat sich der Blick, wie hat sich die Stadt verändert?“, so Dirk Luckow.

Das sind gute Fragen, die dazu führen, daß man die Ausstellung besser einordnen und bewerten kann, wenn man sie in Relation zu den vielen immer sichtbaren Fotos in den sozialen Medien und im Internet setzt.

Den fotografischen Rahmen steckten die Sammler F.C. Gundlach und H. Falckenberg ab. Was sie sammelten, kann hier angeschaut werden.

Insofern ist dieser Ausschnitt ein echter Ausschnitt, der in dem Buch wunderbar präsentiert wird. Was gezeigt wird, wird groß und gut gezeigt.

Aber es ist eben nur im Rahmen der Sammlung repräsentativ. Wenn man sich das vor Augen hält, dann kann man an diesem „repräsentativen“ Blick Gefallen finden.

Streetfotografie wird hier nach Themen geordnet. Das Thema Crashes zeigt z.B. Fotos mit Autounfällen auf Straßen von Arnold Odermatt oder Fotos von Menschen, die im Gesicht ein Pflaster oder einen Verband haben oder ein Haus in Flammen und Verletzte in Novgorod von Axel Schön.

Das Thema Streetlife erinnert mich am ehesten an das, was Streetfotografie bisher war.

Wenn ich an die Wortwahl von Frau Schnakenberg anknüpfen soll, dann handelt es sich hier um Fotografien, die noch nicht durchdekliniert sind und nun auch unter das Wort Streetfotografie fallen (sollen).

Dirk Luckow schreibt im Vorwort über ein Konzept, „das aufmerksam Aspekte wie Aktualität, Flüchtigkeit und Wandelbarkeit im Auge behält.“ So sollen ästhetische Entwicklungen innerhalb der Street Photography verfolgt werden können.

Das stimmt und gibt dem Buch als bleibendes Werk eine besondere Stellung, weil es in einzigartiger Weise ermöglicht, alt und neu zu vergleichen und sich zu fragen, was davon wirklich wirkt und was so flüchtig bleibt wie das, was fotografiert wurde.

Elliott Erwitt hat mal zum entscheidenden Moment gesagt, der ist dann da, wenn dich eine Situation beißt. Aber er wie Cartier-Bresson kommen hier nicht vor.

Hat die „neue“ Streetfotografie noch Biss, wenn man in das Buch blickt?

Das würde ich nun fragen.

Die Antwort darauf liegt im Auge des Betrachters.

Wenn das Fotografieren von Achselhöhlen in Bus und Bahn zur Streetfotografie gehört oder sogar als neuer ästhetischer Ansatz oder sogar als Grenzüberschreitung gilt, dann ist dies eine neue Art der Betrachtung und man kann sich zu recht fragen, ob das Streetfotografie ist oder eher Street.Life.Photography – also irgendwas draussen im Leben zu irgendeiner Zeit mit irgendeiner Kamera.

Insofern ist auch der Titel überzeugend.

Streetfotografie bzw. street photography –  das Wort allein füllt Ausstellungen überall auf der Welt. Hier in diesem Buch sind die Fotos von zwei Sammlern versammelt, die in der fotografischen Kunstwelt exponiert sind.

Und so exponiert ist auch das Buch und in diesem Sinne auch so gut.

Gerade der Versuch durch Themen die Chronologie zu „entzeiten“ macht es zu einem idealen Buch für Vergleiche mit anderen Fotos, die als Streetfotografie gelten. (Besonders interessant wäre dann ein Vergleich mit Fotos, die schon durchdekliniert sind, aber das ist hier nicht das Thema.)

Darin eingeschlossen ist natürlich auch die Frage, ob das hier Fotokunst ist. Man muß es bejahen, weil es sich hier auch offenbar um verkaufbare und verkaufte Produkte im Kunsthandel dreht.

Wenn es so ist, dann ist das Buch als Buch auch vom Druck, von der Größe und von der Gestaltung her außergewöhnlich. Dann ist es ein Beitrag zu einem Versuch einer neuen streetfotografischen Fotokunst.

Der Artikel von Christoph Schaden in dem Buch beschreibt sehr wortgewaltig den Ansatz. Er weist darauf hin, daß durch die Anordnung in Themen statt in Zeitabschnitten auch alles neu kombiniert werden kann. Und er beschreibt eine für ihn erkennbare Veränderung beim Fotografieren auf der Straße in digitalen Zeiten: „Daher mag die Anschauung immer lustvoller darauf fixiert sein, die Autorenfigur des Fotografen als Regisseur seiner eigenen Bildinszenierung aufzulassen und seinem Schauspiel auf der Straße so lange zu folgen, bis der Vorhang fällt.“

Der Ausstellungskatalog aus dem Kehrerverlag, das Buch hier, ist meiner Meinung auch  ein wichtiges Werk, weil es zeigt, was gesammelt wird, wofür heute Geld bezahlt wird – zumindest in Hamburger Kreisen?

Insofern ist indirekt dieses Buch auch ein Katalog über Fotos, die als Fotokunst dem Investment dienen. Das gibt dem Ganzen noch einmal eine andere Qualität.

Aus all diesen Gründen ist dieses Buch uneingeschränkt empfehlenswert.

Und wenn man dieses Buch nach längerer Verweildauer zuschlägt, dann merkt man, daß das Thema Streetfotografie noch lange nicht durchdekliniert ist, sondern darauf wartet, in weiteren Büchern verarbeitet zu werden mit neuen Fotos aus der Gegenwart.

Street.Life.Photography ist im Kehrerverlag erschienen.

Haus der Photographie, Deichtorhallen Hamburg Street. Life. Photography

ISBN 978-3-86828-852-0

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