Fotos und social photos

Fotos und social photos

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Als Anika Meier das Buch von Nathan Jurgenson gelesen hatte, schrieb sie eine Kolumne über „Die soziale Kammer“.

Sie beginnt mit den Worten: „Was haben Walter Benjamin, Roland Barthes und Susan Sontag über Fotografie im Zeitalter sozialer Medien geschrieben? Genau: Nichts. Das hat jetzt Nathan Jurgenson übernommen.“

Und dann gibt sie wieder, was sie gelesen hat und was viele andere auch schon bemerkten, ohne es so scharfsinnig in Worte zu fassen:

„Mit Fotografie will social photography überhaupt nicht konkurrieren, so der Ausgangspunkt von Jurgenson. Das ist das große Missverständnis. Bei Fotografie geht es um ästhetische Fragen und darum, ob ein Bild gut ist. Diese Frage stellt sich bei Social Photos nicht. Eine SMS untersucht man ja auch nicht auf ihre poetischen Qualitäten. „Grundsätzlich macht für mich ein Foto zu einem sozialen Foto, inwieweit seine Existenz als eigenständiges Medienobjekt seiner Existenz als Kommunikationseinheit untergeordnet ist“, schreibt er. Und beklagt, dass genau das bisher meist ignoriert wurde….. Ein Beispiel: Wenn ein Essens-Foto aus dem Kontext der sozialen Medien gerissen wird, wundert man sich, warum das Foto überhaupt gemacht wurde.“

Nun kann man bei dieser Scharfsinnigkeit nicht stehenbleiben, sondern muß sie weiter verfolgen. Fotografie dient immer der Kommunikation, weil der Sinn des Fotos darin besteht,  angeschaut zu werden und der Zweck sich aus der jeweiligen Botschaft ergibt.

Wenn man an dieser Stelle angekommen ist und sich nun freut, daß man die neue Bilderwelt gedanklich geordnet hat, fällt natürlich sofort auf, daß man nur diesen Rubikon überschreiten muß, um diese neue vorgefundene Wirklichkeit schon wieder zu verlassen.

Wenn ich hier ein Foto zeige, das eine oder mehrere Botschaften hat oder haben kann wie z.B. hier, dann ist dieses Foto bewußt als Fotografie konzipiert und es ist öffentlich sichtbar.

Wenn jemand an seine Freunde ein Foto vom Essen schickt per Whatsapp oder anders, dann ist dieses Foto kein Teil einer öffentlichen Kommunikation sondern nur wortlose Sprache. Es spielt auch nur eine Rolle in der Kommunikation der Beteiligten und nicht als Fotografie.

Natürlich sind solche Trennungen spätestens dann aufgehoben, wenn jemand auf den Gedanken kommt, einen Whatsappchat über Essen mit den Fotos sagen wir als Kunstwerk online in einer Ausstellung zu präsentieren. Aber dann sind die Fotos öffentlich und Teil einer anderen Nutzung.

Doch insgesamt finde ich Jurgenson und Meier sehr nützlich, um im Zeitalter digitaler Beliebigkeit klarere gedankliche Unterscheidungen vornehmen zu können.

In einer anderen Kolumne schreibt Frau Meier noch einmal über Herrn Jurgenson: „Menschen teilen Fotos nicht als Objekte, die für sich stehen sollen, sondern als Erfahrungen.“

Und dann ergänzt sie: „Wozu das geführt hat, ist bekannt: Influencerinnen und Influencer teilen perfekte Bilder vom perfekten Leben, alle anderen wollen das auch. Kevin Systrom, der Mitbegründer von Instagram, hat gerade in einem Interview erklärt, dass das nicht beabsichtigt war. „Anfänglich wurde instagram als Community von Fotografen und Designern konzipiert. Die Idee war es, diesen kreativen Menschen witzige und kreative Werkzeuge zu geben. Dann veränderte sich die Plattform sehr schnell, als immer mehr Personen sie verwendeten, um ihren Alltag zu dokumentieren.“

Diese Sätze führen mich sofort zu der Fragestellung, ob es eine globale visuelle Kultur gibt?

Denn das Dokumentieren des Alltags um Verkaufsfähigkeit herzustellen, muß ja immer das betonen, was zum Kaufen anregen soll. Und perfekte Fotos im Sinne von Verkaufsförderung lassen natürlich alles Unperfektes außen vor.

Gerade das unperfekt Reale als echte Wirklichkeit ist ein zentrales Element dokumentarischer Praxis.

Aber Werbung ist eben keine Wirklichkeit und verkaufsfördernd ist das Versprechen das Unperfekte hinter sich zu lassen…

Toscani geht bei sozialen Netzwerken sogar noch weiter und sagt: „Ich bleibe dabei: Die sozialen Medien sind die Konzentrationslager der modernen Gesellschaft. Man geht rein und wird ausgeschaltet.“

Da man dort auch wieder rauskann, sollte man diese Äußerung als Überspitzung sehen, die zu Recht darauf hinweist, daß du dort nicht eigenständig agieren und handeln darfst und total kontrolliert und manipuliert wirst.

Aber es gehört auch zur Wahrheit, daß dieses Thema zwar wesentlich ist aber nur wenige bewegt. Die meisten freuen sich einfach, wenn sie mit ihrem Smartphone im Fotoschwarm dabei sind und darin schwärmen können. Sie hinterfragen nicht vorgegebene Meßlatten und Richtungen sondern fragen sich wie sie diese erreichen können.

 

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