Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Die monochrome Art – Schwarzweissfotografie heute

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Kann monochrome Fotografie mehr als Farbfotografie?

Monochrome Fotografie betont Strukturen, farbige Fotografie betont Flächen. Im Zeitalter der totalen digitalen Fotografie ist die Frage zu stellen, welche Rolle in der Fotografie heute Farbe und Schwarzweiß bzw. Monochrom spielen?

„Besonders die Schwarzweißfotografie hat diese Ausdruckskraft, Inhalte zu verwandeln und in Zweifel zu ziehen.“ Dieser Gedanke von Kazuo Nishii regt zu weiteren Überlegungen an. Der Erfolg der Schwarzweißfotografie, die über den rein dokumentierenden Charakter eines Fotos hinausgeht, hält an.

Das beste Beispiel ist gerade Sebastiao Salgado mit seinem Genesis-Projekt. Dort wird Dokumentarfotografie durch das besondere Licht- und Schattenspiel „veredelt“. Das geht so nicht in Farbe.

Aber dieses weltweit bekannteste Beispiel ist nur eines von vielen.

Daido Moriyama

Ich glaube, dass ein Zugang in die monochrome Welt der Fotografie heute in dem Werk von Daido Moriyama zu finden ist.

Ich würde ihn als Beispiel monochromer Fotografen in eine Reihe setzen mit Cartier-Bresson und Rodchenko. Ihnen ist das anarchistische und surreale Element gemeinsam. Cartier-Bresson setzte dabei total auf die klassische Geometrie, Rodchenko veränderte den Blickwinkel auf die Geometrie total und Moriyama nutzt die Geometrie eher als Anhaltspunkt, um davon abzuweichen.

Er war Mitglied der Fotogruppe Provoke, die Fotografie als Ausdrucksmedium wählte, um „das Erlebnis des Augenblicks vermitteln zu können. Die Vergangenheit wird zu Gunsten einer permanenten Gegenwart getilgt.“ (Kazuo Nishii) Es ging darum, als „verzweifelte Maßnahme… die Innerlichkeit unseres eigenen Lebens einzufangen“ (Nakahira).

Transzendenz der klassischen Dokumentarfotografie

Damit dient die klassische Dokumentarfotografie als Augangspunkt, um die damit verbundene eigene Wahrnehmung des jeweiligen Moments einzufangen und dies zusammen in einer fotografisch subjektiven Aussage festzuhalten.

Fotografie bekommt damit eine zusätzliche Dimension. Die Umsetzung dieser Formel (Moment = Eindruck + Ausdruck) ist in der digitalen Zeit wahrscheinlich technisch einfacher möglich als in der analogen Zeit. Aber bis man dort ist, hilft keine Technik sondern nur Wahrnehmung und Bewusstsein.

Fotografie als philosophische Lebensweise

Für mich hat dies alles aber noch eine Dimension. Camus läßt grüßen. Der Umgang mit der Absurdität der menschlichen Existenz wird hier in eine die Gegenwart erlebende Lebensweise umgesetzt.

Wenn man bedenkt, dass dies alles aus der vordigitalen Zeit stammt und auch Farbe und Schwarzweiß-Fotografie schon vor der digitalen Zeit verfügbar waren, dann haben sich die für den Menschen möglichen Nutzungsmöglichkeiten nur technisch geändert. Inhaltlich geht es weiter um den Gebrauch der Fotografie als Lebensinstrument oder als rein technisches Dokumentationsmedium.

Ein gutes Video zur fotografischen Denkweise von Mr. Moriyama findet sich im nachfolgenden Video, leider nur auf Englisch, aber die Visualisierung ist sehr gut:

Dieses Video ist in meinen Augen eine ganz besondere Botschaft für die, die die Fotografie wirklich tief in ihr Lebensweise integrieren wollen.

Ich leite daraus für mich drei Gedanken ab, die weiter wirken:

  • Monochrom bietet viel mehr Deutungsmöglichkeiten, Farbe hat Fotos schon ausgedeutet
  • Jedes Foto ist wichtig, weil es deinen momentanen Startpunkt in die Welt festhält
  • Es gibt kein Lebensalter für gute Fotos, jünger ist nicht besser

Diese Art der Verschmelzung von Augenblick und Wahrnehmung hält Mr. Moriyama mit einer Kompaktkamera fest und bearbeitet die Fotos später am Computer. Damit ist die Illusion des perfekten Moments ohne Bearbeitung ebenso zerstört wie der Glaube, dass nur die „besten“ = teuersten Kameras die „besten“ Fotos machen. Sehr gute Kompaktkameras reichen völlig wie z.B. die Ricoh GR II.

Entzauberung und Verzauberung

Diese Entzauberung der Fotografie durch Mr. Moriyama ist aber zugleich die Verzauberung des Alltags, weil wir so einen unverstellten Blick, eine unbeeinflußte Wahrnehmung und die Chance auf ein bewußtes Leben in der Gewöhnlichkeit der menschlichen Existenz erhalten.

Mr. Moriyama tötet den Buddha, führt uns zu Sisyphos und ermöglicht uns durch die Fotografie einen Weg durch das eigene Leben.

Die monochrome Art der Fotografie ist damit ein Schlüssel für den eigenen Weg durch die Welt.

Aber auch hier gilt nicht nur sondern auch. Auch Mr. Moriyama fotografiert in Farbe. Aber nur manchmal, wenn es besser passt.

Zuguterletzt noch ein Video über ein Buch.

Jörg Colberg zeigt uns das Buch Reflection and Refraction von Daido Moriyama.

Sie finden es hier.

Text 1.1

One Comment

  1. Ein sehr aufschlussreicher, interessanter und inspirierender Artikel.
    Vielen Dank dafür, Yens

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