Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte – manchmal

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Manchmal sagt ein Bild mehr als 1000 Worte. Aber es kommt darauf an, wem das Bild mehr als 1000 Worte sagt. Es ist eine Frage des Vorverständnisses. Je konkreter eine Situation, desto mehr Vorverständnis ist erforderlich, damit ein Bild mehr als 1000 Worte sagen kann.

Das will ich an einem Beispiel zeigen.

Sie sehen auf dem Foto ein Schaufenster. Es ist das Schaufenster eines wunderbaren und alteingesessenen Cafes mit eigener Konditorei, dem Cafe Jannasch auf der Burgerstrasse in Remscheid.

Im Schaufenster spiegelt sich eine Baustelle. Gegenüber vom Cafe Jannasch ist das Städtische Krankenhaus von Remscheid, das Sana-Klinikum. Dort wurden zur Zeit der Aufnahme gerade die alten Gebäude abgerissen, damit dort ein Wohnheim errichtet werden kann. Es war das Ende der alten Architektur und der Beginn von etwas Neuem.

Dies alles brauche ich niemand zu erklären, der dort wohnt. Allen anderen muss ich dies komplett erklären.

Welche Kernaussagen hat das Foto?

Die wichtigste ist für mich als Autor dieses Fotos, daß Rituale wichtig sind in der Unbeständigkeit der Zeit. Dazu gehört für mich die Kaffeepause bzw. Kaffeezeit. Sie ermöglicht Besinnung und Wahrnehmung der Veränderungen um uns herum. Die andere wichtige Aussage lautet alles fließt.

Wie ist die Gestaltung des Fotos?

Es ist eine sehr komplexe Mischung. In gewisser Weise ist es eine wirkliche Fotomontage, die durch das Licht und die dort vorgefundenen Materialien so für einen Moment entstand.

Das Foto ist damit surreal, weil ein Kronleuchter nicht auf einer Baustelle in der Luft hängt und Straßenlaternen nicht hinten im Kaffee stehen. Diese mehrfache Wirklichkeit ergibt durch die Kombination eine neue Wirklichkeit – mehrdimensional.

Der Rahmen gibt dabei lediglich Orientierung und ist kein absoluter Rand. Es ist eher durch die Orientierung ein Zeichen für das Fließen, die unabänderliche Weiterentwicklung.

Der Rahmen

Dem Foto habe ich nun einen Rahmen gegeben. Es ist ein transparenter Rahmen. Er zeigt alt und neu, Abbruch und Neuanfang und Stabilität durch Tradition und Bewährtes.

Das Schild im Fenster und das immer noch schicke und gemütliche und eben nicht zu moderne Cafe laden mit dem Schild zum entspannten Kaffeetrinken ein. Man sieht schemenhaft einen schönen Kronleuchter, man sieht die schöne Deko und man sieht ein echtes Cafe. Das Bewährte bleibt (und wer den Kuchen kennt, der weiß, was ich meine…)

Eine besondere Funktion hat der Rahmen. Er begrenzt das Foto nicht sondern zeigt, dass es ausserhalb des Rahmens weitergeht. Im Rahmen zeigt sich die Tradition und spiegelt sich die Veränderung. Die Entwicklungen sind nicht aufzuhalten. Zugleich empfinde ich den Rahmen auch als Störung des vorgefundenen visuellen Gesamteindrucks. Aber das soll er auch als bewußter Eingriff zur Illustration nicht aufzuhaltender Veränderung und dem bewußten Sehen der Tradition, die man selber einhalten und setzen muß – auch wenn sie stört.

Zugleich ist das Foto zwar konkret aber durch

  • die Mischung von Spiegelungen der anderen Straßenseite,
  • schemenhafter Wahrnehmung (des Kronleuchters und anderer Dinge) und
  • faktischer Darstellung eine Komposition

wie bei einer Fotomontage.

Dies alles mußte ich aufschreiben, weil es nur jemand ohne Worte intuitiv wahrnehmen könnte, der die Vorgeschichte kennt und die fotografische Symbolik. Für alle anderen sind die Worte hier wichtig zum tieferen Verständnis.

Es sind aber nur 515 geworden….

Text 1.1

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